Wann Training fruchtet und wann nicht

In den letzten Monaten sind viele Hunde in deutschen Haushalten eingezogen. Einige davon bringen große Herausforderungen mit sich und treiben ihre frisch gebackenen Halter mitunter an deren Grenzen. So hat man sich das Zusammenleben wirklich nicht vorgestellt...

 

Eine zentrale Frage ist in diesen Fällen:

Wie genau geht man die Probleme an? Beackert man sie von morgens bis abends? Wie konsequent muss man dabei sein?

 

Irgendwie will es einfach nicht funktionieren und das Zusammenleben wird immer mehr zu einem "Gegeneinander", statt zu einem "Miteinander". Mensch und Hund entfernen sich emotional voneinander und der Mensch gerät ins Zweifeln.

 

Ein Beispiel aus meinem aktuellen Trainingsalltag.

Einer meiner Kunden lebt mit einem Welpen, der von Anfang an stark überreizt war und viel zu wenig geschlafen hat. Die Auswirkungen davon zeigen sich bis heute. Der Hund ist überdreht, hört nicht gut zu und kommt noch immer schwer zur Ruhe. Auf dem Spaziergang klappt es anfangs ganz gut, nach ca. 10 Minuten kippt es und der restliche Spaziergang ist nach Angaben meines Kunden "nur noch Kampf oder Anarchie." Ich fragte ihn, wie lange er spazieren geht und er antwortete "20-30 Minuten".

 

Mein Rat`: Erstmal nur noch 10 Minuten am Stück spazieren gehen, dafür öfter am Tag. Wozu sich aufarbeiten und frustriert nach Hause kommen? 10 Minuten scheint aktuell schlichtweg die Zeitspanne zu sein, die der Hund auf Spaziergängen leisten kann, bevor die Sicherung im Kopf durchbrennt. 

 

Es macht wenig Sinn, sich an einem Hund aufzuarbeiten, der nicht zuhören kann. Da nerven sich Hund und Halter gegenseitig.

Es bringt unendlich viel mehr, die Minuten zu nutzen, in denen der Hund (und auch der Mensch!) fokussiert und konzentriert ist.

In diesen Phasen fruchtet Training! Hier bekommt man einen Fuß in die Tür und kann auf den Erfolgen aufbauen.

Das wiederum führt bei Mensch und Hund zu einem guten Gefühl, die Motivation steigt und man fühlt sich wieder wie ein Team, anstatt sich gegenseitig zu nerven.

 

Schauen wir uns noch ein zweites Beispiel an.

Es gibt immer wieder Hunde, die keinerlei Grenzen annehmen können. Dafür gibt es viele Gründe, wir wählen für unser Beispiel einen Hund, der keine Frustrationstoleranz besitzt. Man könnte daher sagen, er KANN die Grenzen zum aktuellen Zeitpunkt nicht annehmen.

 

Was tun? Alle Grenzen, die man setzen will, durchsetzen auf Teufel komm raus? 

Du ahnst wahrscheinlich schon, dass das nicht meine Vorgehensweise ist. :)

Wenn ein Hund kein "nein" annehmen kann, weil er sofort eskaliert, sollte man bei Schwierigkeitsgrad 1 beginnen und nicht bei 100.

Am besten, man schreibt sich alle Situationen auf, in denen man im Alltag ein "nein" kommuniziert. Dann vergibt man Punkte je nachdem, wie schwer es für den Hund ist, dieses "nein" anzunehmen.

Nun hat man eine Eskalationsleiter und arbeitet sich von unten nach oben.

 

Das Prinzip ist wieder das Gleiche - man wählt Situationen, die Halter und Hund meistern können und baut auf dem Erfolg auf.

In diesem Beispiel ist das besonders wichtig, da viele Hund-Mensch-Teams aneinander hocheskalieren, wenn der Mensch sofort alle Konflikte klären möchte.

Damit ich nicht falsch verstanden werde - in diesem Beispiel geht es um einen "out of order" Hund, der KEINE Gefahr darstellt. Du kannst ihn dir wie ein bockiges Kind vorstellen.

 

 

Also...

Wenn du momentan auch Baustellen hast, die dich mit deinem Hund in den Wahnsinn treiben, fang leicht an und arbeite dich zum Schweren vor. Dein Hund und du dürft langsam und gemeinsam wachsen, ihr müsst nicht gleich die Hardcore Herausforderung angehen, nur um dann zu scheitern.

Sammle Erfolgserlebnisse und bau darauf auf. Habt Spaß zusammen und reift gemeinsam.

Du hast übrigens genau wie dein Hund verschiedene Schwierigkeitsstufen, das vergessen wir Menschen im Training ganz gerne.

Trainiere in Momenten, in denen du ausgeglichen und konzentriert bist. Fang auf Stufe 1 an und stell dich nicht gleich der Situation, in der du dich unsicher und unwohl fühlst. 

 

Was kann der Hund leisten, wie lange kann er es leisten und zu welchem Zeitpunkt?
Und wie sieht das bei dir aus?

 

Glaub mir, es ist ein berauschendes Gefühl, die Leiter an der Seite seines Hundes ganz nach oben zu klettern, Stufe für Stufe. :)

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